"Event" - Bayerische Staatszeitung - 18.11.2011


Was ist es, was Theater ausmacht? Worin liegt das Faszinosum der Bühne, von der Goethe sagte, es brauche nur zweier Fässer und einiger Bretter darauf, um daraus Bretter, die die Welt bedeuten, zu machen? Unnachahmlich beantwortete der große Theater¬macher Bert Brecht diese Fragen in seinem so gut wie unbekannten und selten, wenn nicht gar nicht gespielten Stück "Der Messingkauf", in dem er alle am Theater Beteiligten - vom Stückeschreiber bis zum Regisseur, vom Bühnenbildner bis zum Bühnenarbeiter, vom Schauspieler bis zum Zuschauer - zur nachdenklichen Unterhaltung über das Theater auf die Bühne stellte. All diese Reflexionen über dieses „einmalige Ereignis Theater“ rafft jetzt die deutsche Erstaufführung des Stücks Event (Das Ereignis) des amerikanischen Dramatikers John Clancy zusammen, der sich das Staatsschauspiel Nürnberg annahm. 

Die Bühne des Nürnberger Schauspielhauses ist leer und finster, bis ein Scheinwerferkegel Licht ins Dunkel bringt und einen Mann beleuchtet, der zu sprechen anhebt und das Publikum im Dunkel des Zuschauerraums begrüßt. Mehr braucht es nicht, als daraus Theater zu machen - und Menschen zum Lachen zu bringen und zu Tränen zu rühren.
Pius Maria Cüppers ist der Mann, der den Schauspieler spielt - und sein einziger großer, eineinhalbstündiger Monolog wird zum dramatischen Dialog ohne Gegenrede mit Menschen, die nur zusehen und zuhören, aber schweigend dabei sind, wenn sich das „Ereignis" vollzieht. Der Schauspieler erklärt „Theater" mit einem auswendig gelernten Text, der nicht von ihm stammt, macht mit einer Gestik und Mimik, die ihm vom Regisseur vorgegeben ist, den Menschen, die er nicht kennt und nur als dunkle Masse vage wahrnimmt, etwas vor; und schafft es, aus unbefangenen Menschen magisch befangene Zuschauer zu machen, sein Publikum zu verzaubern, in Bann zu schlagen und für eine kleine Zeitspanne die Zeit anzuhalten. 

Event ist eine Sternstunde des Theaters, aber auch für Pius Maria Cüppers, der aus dem Text eine Tragödie und eine Komödie macht, der die Farce und die Persiflage spielt und mit der Parodie das begeisterte Publikum ebenso zum Lachen bringt wie er mit akrobatischen Einlagen und raffinierten Taschenspielereien verblüfft.
Alles nur Theater? Im Finale wird die Bühne zur Welt, ein Teatrum mundi, ein Welttheater, das den Zuschauern die tiefsinnig-theologische Frage nahelegt, ob nicht das ganze Leben Theater sei, sie selbst nur mittelmäßige Schauspieler oder vielleicht doch grandiose (Selbst-)Darsteller in einem schlechten Theaterstück mit garantiert tödlichem Ausgang.

Beifallsstürme eines begeisterten Publikums, das sich auf der Bühne wiedererkannte.

Friedrich J. Bröder

"Event" - Süddeutsche Zeitung - 16.11.2011


Auf der leeren Bühne steht ein Mann allein im Licht und stellt Mutmaßungen an über sich, die Natur seiner Tätigkeit und aller daran Beteiligten: Vom Stückeschreiber über die „Fremden" im Saal bis zum „hauptberuflichen Begutachter". In Nürnberg heißt der Mann Pius Maria Cüppers und ist im Zweitberuf Zauberer. Das passt ganz gut, weiß er doch praktisch gleich doppelt darüber Bescheid, dass das Decouvrieren einer Illusion oftmals eine neue erzeugt. Doch statt mit dem Kaninchen aus dem Hut den Akt des Herausziehens zu verschleiern, zaubert er allein mit Worten und dem immer wieder neuen Verschieben gedanklicher Perspektiven. Cüppers, der zunächst wie eine Mischung aus Fernsehprediger und sonnigem Entertainer wirkt, hat durchaus Sinn für Zwischentöne und einen bübischen Charme.

Sabine Leucht


"Event" - BR 2, Kulturwelt - 14.11.2011


Tatsächlich, ein Mann betritt die Bühne im hellen Licht und die Fremden verstummen, so geht das, so fängt das an. Und indem der Mann, der ein Schauspieler ist, diesen Mechanismus benennt, er formuliert, was hier im Theater gerade geschieht, entblättert er zugleich auch schon eine der wesentlichen Konventionen des Theaters, zeigt das Theater als ebenso konventionellen wie absurden Apparat, in dem es komische Gesetze gibt, seltsame Regeln, an die sich Schauspieler und Zuschauer aber brav zu halten pflegen. 
Der Mann auf der Bühne, obgleich konventionell gekleidet, grauer Anzug, weißes Hemd, scheint dem Typ nach zunächst so etwas wie ein Spaßvogel zu sein, Entertainer, showerprobter Alleinunterhalter, doch irgendwann im Verlauf dieser nächsten anderthalb Stunden, in denen der Mann wild mäandernd sich seine Themen zwischen Kunst und Leben sucht, wird deutlich, dies hier ist in Wahrheit ein pechschwarzer Pessimist, ein Kulturskeptiker, ein Moralist. Und doch gibt es keine Wahrheit in diesem Stück und keine Moral. Alles ist nur gespielt. Auswendig gelernt. Das erklärt der Mann im hellen Licht immer wieder. 

In dem flirrenden Monodrama des amerikanischen Off-Off Broadway- Theater-Autors John Clancy gibt es keinen Plot, genau genommen nicht einmal eine Figur, eben nur einen Schauspieler, der keine Sekunde einen Zweifel darüber lässt, das er ein Schauspieler ist. „Dies hier ist so eine Art Kunst-Ding, so ein Metading", brüllt er irgendwann, "und wenn Sie gehen wollen, in Ordnung, mehr passiert nicht hier.“ Aber natürlich ist auch das nur ein Spiel. The Event, das Stück, ist in der Tat eine Art supersubtiles Kunstding, das an den ständigen Perspektiv- und Ebenenwechsel von Luigi Pirandellos Theaterklassiker „Sechs Personen suchen einen Autor“ denken lässt, aber auch noch viel tiefer zurückführt in die Theatergeschichte, Assoziationen weckt an Denis Diderots im 18. Jahrhundert entstandenen Dialog „Paradox über den Schauspieler“. John Clancys virtuos die Grenzen von Kunst, Leben und Rollenspiel auflösender Text ist ein Text zwischen Entertainment und Existentialismus. Kunst und Leben verschmelzen hier zur ungewissen, schaukelnden, im Illusionistischen verschwimmenden Einheit. Ein Text, der nicht nur die Marionettenhaftigkeit des Schauspielers thematisiert sondern letztendlich auch die unsere. Wir sind in einem „abgedunkelten Saal bei entgleister Zeit“, heißt es einmal. Das kann sich auf die Theatersituation selbst beziehen, aber auch auf die grundsätzliche Situation des Lebens. Und wenn der Schauspieler launig die Isolation der Zeitgenossen im 21. Jh. thematisiert, von denen jeder „im Privatsoundtrack eingestöpselt“ ist, wenn er den nationalen, gar globalen Gedächtnisschwund beklagt, („Welcher Krieg war das noch mal gleich, und wie hieß der Diktator mit der Kappe?) die Unfähigkeit sich zu erinnern, sich zu konzentrieren benennt, am Ende gar einen ebenso wirklich guten wie todtraurigen Witz über einen Alzheimerkranken erzählt, dann wird das Spiel mit der Illusion schleichend, unmerklich auch zu einem Sittenportrait, einem Sittengemälde des 21. Jh., zu einem Spiegel unserer mangelhaften Existenz. "Wir alle spielen Theater", wie es einmal heißt, "in einem ziemlich schlechten Stück." "The Event" von John Clancy, so viel ist sicher, ist kein schlechtes Stück, alles andere als das, dazu kongenial mit klug versteckter Poesie von Frank Patrick Steckel ins Deutsche übertragen. 

Pius Maria Cüppers durchwandert in der sparsamen Regie von Klaus Kusenberg die nackte Bühne des Grossen Hauses, streift bravourös die verschiedenen Rollen, quert meisterlich-chamäleonhaft durch die seltsamen Szenen, mal Showmaster, Zauberer, Magier oder Clown, Todesbote, mal tragische Figur, wenn er die Isolation des übereifrigen SMS-Schreibers mit nervösem Gefingere imitiert oder durch blaues Bühnenlicht taumelt, durch die „sinnbildliche Nacht“ vor dem Bildschirm mit Koordinatenverlust und abnehmender Energieversorgung. 
Doch für alle Rollenspieler gilt: Die Konvention befiehlt, wissend, das wir das Falsche tun, unsere Texte weiter zu sprechen, bis zum Finale, bis zum Tod. 

Gab es das mal, die Idee einer Gesellschaft, die von etwas zusammengehalten wird, das jenseits des Profitinteresses steht? Eine Zivilisation, deren Sinn in Würde bestand? Aber auch das ist selbstredend nur eine Fragestellung des Schauspielers. Alles Text. Alles Rolle. Theater eben. Und niemand muß diese Frage wirklich ernst nehmen. Oder gibt es sie am Ende doch, die Wirklichkeit? 

Barbara Bogen


"Event" - Abendzeitung Nürnberg - 15.11.2011


Pius Maria Cüppers ist in Hochform, wenn er die Grenzen zwischen Erzähler und Spieler verwischt, in raffiniert beiläufigen Andeutungen von Körpersprache die eigenen Monologe kommentiert und die ganze Welt in die Kantinen-Depression des Künstlers einbezieht: „Wir sind alle wie gute Schauspieler in einem sehr schlechten Stück".
Das Stück „Event" ist nicht schlecht, denn es bietet sich auch für rabiatere Deutungen als bei der sanftmütig geglückten Nürnberger Deutschland-Premiere an. Klaus Kusenberg und Pius Maria Cüppers wollten keinen Blickkontakt zu den Schimpf-Tiraden von Thomas Bernhard oder René Pollesch, lieber die heimliche Nähe zu Süskinds „Kontrabass". So schnappt die Aufführung immer wieder, beißt aber nicht zu. Am Ende darf der „Mann" zaubern. Warum? Weil der Darsteller es kann! Die „Fremden" haben übrigens begeistert applaudiert.

Dieter Stoll

"Event" - Nürnberger Nachrichten - 15.11.2011


Was die Theaterwelt zusammenhält

Pius Maria Cüppers brilliert im Nürnberger Schauspielhaus in John Clancys Bühnen-Monolog „Event"

Was ist das eigentlich, was die kleine Theaterwelt im Innersten zusammenhält? Diese und andere Fragen wirft John Clancys Monolog „Event" auf, der nun am Nürnberger Staatstheater als deutschsprachige Erstaufführung zu sehen ist. Bei der Premiere feierte das Publikum Schauspieler Pius Maria Cüppers für sein starkes Solo.
So etwas erlebt man im Theater nicht alle Tage: Da tritt ein Mann ins Licht der Bühne und wird von den Zuschauern spontan mit Applaus begrüßt. Das Spiel hat begonnen und es funktioniert. Weil der namenlose Mann, der im richtigen Leben Pius Maria Cüppers heißt, nicht wie ein Schauspieler in die Szene kommt, sondern vielmehr auf Thomas-Gottschalk-Art vor seinem Publikum erscheint. Diese TV-Talkmaster-Attitüde wird er in den folgenden intensiven 80 Minuten selten wieder ablegen.

Ist das überhaupt eine Rolle? Und was wird da gespielt? Der Kerl im feinen Zwirn, ganz Durchschnittstyp, formuliert, als würde er eine Regieanweisung zitieren, in Echtzeit, was geschieht: „Ein Mann steht, von Licht übergossen, vor einem Saal voller plötzlich verstummter fremder Menschen." So weit so richtig.

Ganz direkt spricht er die Zuschauer an, erklärt, worauf sie sich da eingelassen haben. worum es geht: nämlich um eine Nabelschau auf den eingespielten Theater-Betrieb, in dem sich alle an die Regeln halten. Da oben auf der Bühne wird gespielt, da unten haben die Zuschauer den Mund zu halten, und hinter ihnen sorgt der Techniker für die passende Beleuchtung. Abend für Abend. Absurd und amüsant wird das erst, wenn man über die Situation nachdenkt. Cüppers tut's, hält den Beteiligten den Spiegel vor und provoziert damit viel
Gelächter, Gekicher, manchmal auch Nachdenklichkeit.

Der Text des amerikanischen Regisseurs und Dramatikers John Clancy gibt ihm zwar keinen Plot vor, dafür eine geniale Grundlage, um freizügig mit Theater-Illusion und Weltwahrhaftigkeit zu jonglieren. Trauen darf man dem, was man sieht und hört, nicht. Alles auswendig gelernt und vom Regisseur - in diesem Fall Schauspiel-Chef Klaus Kusenberg - präzise inszeniert und abgesegnet. Der Mann will, dass das Publikum dies weiß. Dazwischen kommt er in freien Assoziationsschleifen vom Hölzchen aufs Stöckchen. Clancys Text wechselt virtuos die Themen, treibt geschmeidig von Kunstauffassung zu Gesellschafts- und Zivilisationskritik (manchmal zum Klischee). Da erzählt der Mann als Entertainer einen echt guten Witz, um gleich darauf als Existenzialist über dessen gar nicht so lustigen Hintergrund zu sinnieren.

Pius Maria Cüppers macht auf der nur mit einem Stuhl möblierten, endlich wieder einmal unbewegten Bühne des Schauspielhauses aus dem Monolog ein starkes Monodrama. Von Anfang an weiß er die Aufmerksamkeit des Publikums zu bündeln. In seiner Tour de Force zieht er alle Register, ist mal Skeptiker, mal kokett, mal Provokateur und Moralist mit Pathos, mal Rebell in Rage, mal Zauberer. Beinahe alles also, was die Wunderkiste namens Theater an Charakteren aufbietet und man vom Ereignis Schauspiel erwartet. Ein subtiles „MetaDing" und Kunst-Solo, das auf einem schlauen Text beruht und bei der Premiere vom Publikum begeistert gefeiert wurde.

BIRGIT NÜCHTERLEIN

"Event" - Nürnberger Zeitung - 15.11.2011


Die Art, wie Pius Maria Cüppers den Monolog „Event" im Nürnberger Schauspielhaus spricht und verkörpert, macht das „Event" zum Ereignis.[…] Cüppers ficht das nicht an. Er hat ohnehin einen nonverbalen Draht zum Publikum, das ihn in seiner virtuosen Gestik und Mimik einfach mag, ständig über ihn lacht und am Ende gar nicht mehr mit dem Klatschen aufhören will. Zu Recht.

Hans-Peter Klatt